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Kabbalah

Qliphoth: Schalen und Schattenbaum der Kabbalah

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Adrian Schmidt

Experte für Kosmologie

Was sind die Qliphoth?

Qliphoth (hebräisch קליפות, Kelipot, Singular Kelipa, auch Qlipoth oder Qlippoth geschrieben) heißt wörtlich „Schalen“ oder „Hülsen“. In der jüdischen Mystik sind es die Kräfte, die das göttliche Licht umhüllen und verdecken, so wie die Schale den Kern einer Nuss. Sie bilden die „andere Seite“ (Sitra Achra) zu den zehn Sephiroth. Ein ausgearbeiteter „Baum der Qliphoth“ mit zehn benannten Schattensphären ist dagegen eine Schöpfung der westlichen Esoterik des 19. und 20. Jahrhunderts.

Wer über die Qliphoth liest, stößt also auf zwei Traditionen, die oft vermischt werden: die jüdische Kabbalah mit Zohar, Isaak Luria und dem Chassidismus, und die hermetische „Qabalah“ des Golden Dawn, von Aleister Crowley und Kenneth Grant. Dieser Artikel hält sie auseinander.

Die Qliphoth in der jüdischen Kabbalah

Im Zohar: die Schale um den Kern

Der Zohar (Spanien, spätes 13. Jahrhundert) verwendet das Bild der Nuss: Die Heiligkeit ist der Kern, die Qliphoth sind die Schalen darum, von Gott als Schutz geschaffen, aber selbst ohne Licht. Sie stehen für die Finsternis und für die Mächte des Bösen. Der Zohar nennt einzelne Gegenkräfte zu den Sephiroth, etwa Mashchit („Verderber“) gegenüber Chesed, Af („Zorn“) gegenüber Gevurah und Chema („Grimm“) gegenüber Tiphereth. Den Bereich dieser Kräfte nennt er auf Aramäisch Sitra Achra, „die andere Seite“.

Bei Isaak Luria: das Zerbrechen der Gefäße

In der lurianischen Kabbalah (Safed, 16. Jahrhundert, überliefert von Chaim Vital) entstehen die Qliphoth aus einer kosmischen Katastrophe, dem Zerbrechen der Gefäße (Schewirat ha-Kelim): Die ersten Gefäße der Sephiroth konnten das göttliche Licht nicht fassen und zerbrachen. Ihre Scherben sanken hinab und wurden zu den Schalen. An ihnen haften Funken (Nitzotzot) des Lichts, und von diesen Funken leben die Qliphoth. Aufgabe des Menschen ist der Tikkun: Durch die Gebote und bewusstes Handeln werden die Funken aus den Schalen gelöst und zurückgeführt. Diese Sicht schließt an das Zimzum an, den Rückzug Gottes, der den Raum für die Schöpfung öffnet.

Im Chassidismus: die durchscheinende Schale

Der Tanya von Schneur Salman von Ljadi (1797), das Grundwerk des Chabad-Chassidismus, unterscheidet zwei Arten: die drei völlig unreinen Schalen, die nichts Gutes enthalten, und Kelipat Noga, die „leuchtende Schale“, in der Gutes und Schlechtes gemischt sind. Alles Erlaubte im Alltag, Essen, Arbeit, Besitz, gehört zu Kelipat Noga: Wird es zum Guten genutzt, wird sein Funke erhoben. So wird die Lehre von den Schalen zu einer Ethik des Alltags.

Der „Baum der Qliphoth“ in der westlichen Esoterik

Die Brücke in den Westen bildete die lateinische Sammlung Kabbala denudata von Christian Knorr von Rosenroth (1677–1684). Samuel Liddell MacGregor Mathers übersetzte Teile davon 1887 als The Kabbalah Unveiled und deutete die Qliphoth als die „Könige von Edom“, als Welten aus unausgewogener Kraft. Im Hermetic Order of the Golden Dawn wurde daraus ein System: jeder Sephirah eine Qliphah als Zerrbild. Aleister Crowley veröffentlichte die Zuordnungen 1909 in Liber 777, Kenneth Grant baute sie in Nightside of Eden (1977) zum „Nachtseite“-Baum mit eigenen Pfaden aus. In der modernen Esoterik heißt diese Struktur oft Schattenbaum oder „Baum des Todes“.

Die zehn Qliphoth nach Golden Dawn und Crowley

Die Namen werden sehr unterschiedlich transkribiert, die Deutungen in Klammern folgen der hermetischen Lesart:

SephirahQliphahZerrbild
KetherThaumieldie Zwillinge Gottes: Spaltung statt Einheit
ChokmahGhagiel (Ghogiel)die Verhinderer: blockierte Weisheit
BinahSatarieldie Verbergenden: Verschlossenheit statt Verstehen
ChesedGha'agsheklah (Agshekeloh)die Zerschmetternden: maßlose Ausdehnung
GevurahGolachab (Golohab)die Brennenden: Grausamkeit statt Gerechtigkeit
TipherethThagirion (Tagiriron)die Streitenden: Disharmonie statt Mitte
NetzachA'arab Zaraq (Gharab Tzerek)die Raben der Zerstreuung: Begierde ohne Liebe
HodSamaelder Ankläger: Täuschung statt Erkenntnis
YesodGamalieldie Obszönen: verzerrte Bilder des Unbewussten
MalkuthLilithdie Frau der Nacht: Verstrickung in die Materie

Diese Zuordnung steht nicht im Zohar und nicht bei Luria. Wer die Qliphoth im jüdischen Sinn verstehen will, sollte sie nicht mit dieser Tabelle gleichsetzen.

Qliphoth als Spiegel: die moderne Lesart

Viele heutige Autoren lesen die Qliphoth psychologisch: Jede Schale zeigt eine Kraft der Sephiroth ohne Maß, Güte ohne Grenze, Strenge ohne Mitgefühl. Das erinnert an den „Schatten“ bei C. G. Jung, den Teil der Persönlichkeit, den man nicht sehen will. Der Vergleich stammt von späteren Autoren, nicht von Jung selbst. In diesem Sinn kannst du die Tabelle als Fragenkatalog nutzen:

  1. Welche Kraft lebst du stark, etwa Großzügigkeit (Chesed) oder Disziplin (Gevurah)?
  2. Wie sähe sie ohne Gegengewicht aus? Das ist ihr Zerrbild.
  3. Welche Sephirah gleicht sie aus? In der Kabbalah halten sich Chesed und Gevurah gegenseitig im Gleichgewicht, Tiphereth vermittelt.

Das ist näher an der lurianischen Idee, als es scheint: Auch dort ist das Ziel nicht, die Schale zu bekämpfen, sondern den Funken darin zu befreien. Welche Sephirah UmbraLux deinem Geburtsdatum zuordnet, zeigt der Rechner Kabbala nach Geburtsdatum.

Häufige Fragen zu den Qliphoth

Was bedeutet Qliphoth?

Qliphoth (Kelipot) bedeutet „Schalen“ oder „Hülsen“. Gemeint sind in der Kabbalah die Kräfte, die das göttliche Licht verhüllen. Sie haben kein eigenes Licht und leben von den Funken, die an ihnen haften.

Gibt es einen Baum der Qliphoth in der jüdischen Kabbalah?

Nicht in der ausgearbeiteten Form. Der Zohar nennt einzelne Gegenkräfte zu den Sephiroth, Luria spricht von den Scherben der zerbrochenen Gefäße. Der vollständige Schattenbaum mit Thaumiel bis Lilith stammt aus dem Golden Dawn und von Aleister Crowley.

Was ist Sitra Achra?

Sitra Achra ist aramäisch und heißt „die andere Seite“. Der Zohar bezeichnet damit den Bereich des Unreinen, zu dem die Qliphoth gehören, als Gegenseite zur Heiligkeit.

Was ist Kelipat Noga?

Kelipat Noga, die „leuchtende Schale“, ist im Tanya die Schale, in der Gutes und Schlechtes gemischt sind. Alles Erlaubte im Alltag gehört dazu und kann durch gute Nutzung erhoben werden, anders als die drei völlig unreinen Schalen.

Qliphoth, Qlipoth oder Qlippoth?

Alle drei Schreibweisen meinen dasselbe hebräische Wort קליפות. „Qliphoth“ stammt aus der englischen Esoterik des 19. Jahrhunderts, die wissenschaftliche Umschrift ist Kelipot oder Qelippot.

Quellen

  • Der Zohar, Spanien, spätes 13. Jahrhundert.
  • Chaim Vital: Etz Chaim, die Lehre Isaak Lurias, 16. Jahrhundert.
  • Schneur Salman von Ljadi: Tanya (Likkutei Amarim), 1797, Kapitel 1 und 6–7.
  • Gershom Scholem: Kabbalah, Keter Publishing, Jerusalem 1974.
  • S. L. MacGregor Mathers: The Kabbalah Unveiled, 1887; Aleister Crowley: Liber 777, 1909; Kenneth Grant: Nightside of Eden, 1977.
  • Qliphoth bei Wikipedia.
  • Qliphoth bei Wikipedia (englisch, mit Zohar und Golden Dawn).
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